Stellungnahme zur Buchveröffentlichung des Bezirksbürgermeisters von Neukölln

Erst heute wird das Buch des Bezirksbürgermeisters von Neukölln veröffentlicht. Schon seit Tagen ist es bundesweit im Gespräch. Ganz Deutschland bildet sich nunmehr eine Meinung über einen Bezirk, in den vermutlich kaum einer der Urteilenden einen Fuß gesetzt hat. Wie so oft wird dieser Bezirk instrumentalisiert, um auf diese Weise Meinung zu machen. Und auch der Titel des Buches des noch amtierenden Heinz Buschkowsky, ermuntert jeden, der die BILD oder andere reißerische Medienerzeugnisse konsumiert, ein Urteil zu fällen. Heißt es doch Neukölln sei überall. Doch die Grundlagen für die angeblichen Erkenntnisse dieser Mitmenschen sind schlichtweg falsch.

So verständlich es ist, dass Menschen eine komplizierte Welt in Kategorien organisieren, so wichtig ist es doch, diese genau zu überprüfen und zu hinterfragen. Und gerade jene, die sich anmaßen die Geschicke zu lenken und Entscheidungen zu fällen, sind eigentlich dazu verpflichtet, genauestens zu überprüfen, nach welchen Mustern sie Probleme wahrnehmen. Sie haben die Verantwortung dafür, keine Vereinfachungen zuzulassen, die Menschen verachten.

Die Auswirkungen einfacher Wahrheiten waren und sind immer fatal! Die nicht enden wollenden Skandale, die durch die Aufklärungsversuche des NSU-Ausschusses ans Tageslicht kommen zeigen, wie schrecklich die Auswirkungen eines simplen Weltbildes sein können. Einseitige Ermittlungsansätze führten dazu, dass man Ewigkeiten im Dunkeln tappte. So waren wohl alle unserer ermittelnden Experten davon überzeugt, dass Kriminalität vornehmlich von Migrantinnen und Migranten ausginge. Ein regelmäßiges und menschlich ordentliches Hinterfragen ihrer Wahrnehmung, eine gesunde Selbstkritik bei ihrer Aufgabe, hätte Leben retten können.

Aber es wird nicht hinterfragt, denn die uns beherrschenden und regulierenden Wahrheiten werden nach Mehrheiten gebildet – egal welche anders lautenden Argumente es sonst noch gibt. Und um ein Weltbild, das Menschen angeblich Sicherheit bietet nicht zu erschüttern, wird Empörung über diese angeblich wahren Zustände als Unterdrückung der Meinungsfreiheit gebrandmarkt. Es ist meiner Ansicht nach kein Zufall, dass in Zeiten, in denen Kürzungen von Zuwendungen sozialer Projekte durchgesetzt werden und Arbeit zu Löhnen unterhalb des Existenzminimums gerechtfertigt wird, die Frustration steigt und sich Menschen an eben diese Wahrheiten klammern, als bliebe ihnen sonst nichts mehr übrig.

Die ständige Leugnung der Zugehörigkeit, die Segregation, also die Trennung der Menschen, die zu allererst durch jene betrieben wurde, die sich der Veränderung verweigern wollten, hat erst zu den beklagten Parallelgesellschaften geführt. Ganz unabhängig von Religion, Geschlecht oder Herkunft. Und die so erzeugte Abwehr gegen Migrantinnen und Migranten ließ nie nach. Gern wird von den hohen Standards der Demokratie gesprochen, doch das intellektuelle Fundament dieser Einsilbigkeit ist morsch. Die Behinderungen bei Einbürgerung und Wahlrecht werfen deutliche Zweifel auf, dass eine Integration überhaupt erwünscht ist. Kaum verwunderlich ist doch, dass die Wahrheiten, die von Sarrazin, Buschkowsky und anderen Fackelträger_innen behauptet und verbreitet werden, vor allem in Gegenden populär sind, wo es wenig Verschiedenheit an Kultur und Herkunft gibt.

Den Neukölner_innen, die sich seit Jahren engagieren und sich nicht vom billigen Populismus blenden lassen, nun die Schuld zuzuweisen, ist zynisch. Es ist doch komisch, dass gerade Politiker, die jahrelang mit vorgeblicher Gestaltungskompetenz um Mandate warben, sich in der Dämmerung ihrer Amtszeit bemühen Sündenböcke zu finden. Sündenböcke für ihr Versagen, dessen Ursache klar in der Einfältigkeit ihrer Wahrnehmung liegen und in den davon abgeleiteten Fehlschlüssen.

Multikulturalismus ist nicht tot. Er hat nie gelebt. Es wurde ihm nie ein Fundament bereitet. Denn das ständige Wiederkehren konservativer Forderungen nach Assimilation, ständig wiederholte Behauptungen rassistischer Wahrheiten ist fern ab von Akzeptanz und dem Gewähren von Würde. Und um die Wahrung und Gewährung von Menschenwürde geht es, schlicht und ergreifend um nichts anderes. Aber um die aller! Nicht nur um die Menschen, die von Geburt Herkunft oder sozialem Stand privilegiert sind und daher mehrheitlich definieren, was Menschenwürde bedeutet.

Wir Neuköllner_innen nehmen es nicht hin, dass unser Bezirk von Rassist_innen für ihre tödliche Polemik missbraucht wird. Wir lassen es nicht zu, dass unsere Lebensumstände instrumentalisiert werden von jenen, die durch ihre Ausübung von Mandat und Amt regelmäßig verschlechtert werden. Deshalb sind wir heute hier, um uns das zuzusprechen, was uns von Politiker_innen wie Sarrazin und Buschkowsky ständig verwährt werden soll. Wir solidarisieren uns mit unserem Bezirk und den Menschen, die darin Leben. Denn wir sind diejenigen, die Neukölln kennen und beurteilen können. Wir lassen uns nicht darauf ein, eine Wahrheit zu behaupten, die nicht existiert. Dafür haben wir zu viel Respekt vor ihr und vor uns. Vor der Wahrheit und den Neuköllner_innen.

Von Werten und solchen, die es gern würden

Am Stammtisch wird die Faust geballt
Man einigt sich auf Werterhalt
So stellt man fest, ganz ohne Zwist
Es bliebe besser, wie es ist

Bald ist das Bier dann leergesoffen
Und selbst der dümmste scheint betroffen
Und kaum fragt einer nach dem Lohn
So schallt es: “Metadiskussion”